Erfahrung Blair Digital-Chanter

Bagpipe - Auswahl, Pflege & Optimierung
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shakatark
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Erfahrung Blair Digital-Chanter

Beitrag von shakatark » 24. Oktober 2019 22:12

Vor kurzer Zeit musste ich mich mit der Anschaffung eines elektronischen Chanters auseinandersetzen.

Neben den Berichten über die bereits marktgängigen Geräten fehlte es jedoch an tiefgründigen Ausführungen über den Blair Digital Chanter. Dem abzuhelfen dienet Nachfolgendes:

Es soll kein funktioneller Vergleich zu anderen, elektronischen Chantern/Pipes abgegeben werden, da ich mit diesen keinerlei Erfahrungen habe.

Grundkonstrukt:

Das Gerät arbeitet auf photoelektronischer Basis, will heißen die Töne werden dadurch erzeugt, dass die Bohrungen des Chanters, hinter denen sich photoelektronische Sensoren befinden, geöffnet oder geschlossen werden.

Die Ausgabe der Töne erfolgt über einen Audioausgang, an den Kopfhörer oder Lautsprecher mittels entsprechender Kabel angeschlossen werden können.

Der Chanter besteht aus einem Hauptteil mit imitierter Windkapsel (enthält Akku und elektronisches Steuerelement) und Chanterrohr (enthaltend Bohrungen nebst dahinterliegenden, photoelektronischen Sensoren) nebst Sohle. Daneben gibt es ein aufschraubbares Anblasrohrimmitat, welches aus Vollplastik besteht.

Ein Aufladen des Akkus erfolgt über ein Ladekabel – MiniUSB auf USB. Ein solches ist im Lieferumfang enthalten; nicht jedoch das Ladegerät selbst.

Die Größe der Bohrungen auf dem Chanter und die Anordnungen gleichen in etwa denen auf einem „long Chanter“.

Die Oberfläche des Chanters ist sehr glattpoliert, fast spiegelnd.

Der Chanter ähnelt somit vom Aussehen her einem „analogen“ fast perfekt, wie kein Gerät, das bisher auf dem Markt ist.

Lieferumfang:

Neben Chanter, Anblasrohimitat, Ladekabel und gepolsterter Tasche gibt es eine fünfseitige „Gebrauchsanleitung“, bestehend aus fünf zusammengetackerten A-4-Seiten.
Letzteres ist für den Preis ziemlich dürftig.

Akku:

Ist enthalten. Ladezeit entgegnen Angaben des Herstellers von 3-4 Stunden selbst bei verwendetem Schnelladegerät sehr lang; bis zu sieben Stunden. Spielzeit 5-7 Stunden.

Haptik:

Sehr angenehm und schwer.
Da eine „Blasfunktion“ somit vollkommen unmöglich ist, kann somit sowohl vollkommen ohne das Anblasstück gespielt werden, als auch mit, wobei man in diesem Falle gegen eine „Plastikwand“ bläst.

Wem das nicht ausreicht, der kann mit etwas Geschick das Anblasrohrimmitat z. B. mittels Ständerbohrmaschine und feinem Bohrer vertikal anbohren und eine horizontale Ausblasöffnung im rechten Winkel zu diesem einbringen. Somit kann man dann doch etwas „blasen“.

Durch die fast spiegelglatte Oberfläche des Chanters entsteht bei längerem Spielen und Schweißabsonderung der Finger entgegen „samtenem Oberflächen“ analoger Chanter eine Tendenz zum Festkleben der Finger – hinderlich etwa beim Birl.

Brauchbarkeit im Allgemeinen:

Das Gerät ist von Anfang an einsatzfähig. Es braucht keinerlei Einstellungen etc. .

Brauchbarkeit im Besonderen:

Zusatzsoftware:
Über die Webseite des Herstellers kann neue Firmware geupdatet werden, die unter dem Namen „Reverb“ und „Pan“ firmierend, das Klangbild des enthaltenen GHB-Modus verändern sowie Stereoeffekte modulieren kann. Ebenso lassen sich zusätzliche Klangbilder (momentan Tonarten für den Smallpipe-Modus) installieren. Dieses funktioniert problemlos ist für die Funktion des Chanters jedoch nicht zwingend notwendig.

Modi:
Es sind die Klangbilder Practicechanter (Frequenz individuell festlegbar), GHB (Frequenz individuell festlegbar) sowie Smallpipe (Freuenz A bei 440 Hz) enthalten.

Über o. g. Software lässt sich ein zusätzlicher Klangmodus, derzeit für die Smallpipe (F oder D) installieren.

Weiterhin ist ein Metronom enthalten, welches gleichzeitig in den Modi benutzt werden kann. Diese s funktioniert problemos.
Auch gibt es eine „Vibrato“-Funktion.

Klang:
Sämtliche Modi der Smallpipe sind sehr sonor und voll.

Der Modus Practicechanter klingt entgegen dem üblichen Gequäke analoger Chanter angenehm voll, irgendwo zwischen Fagott, Oboe und Englischhorn.

Der Modus GHB klingt selbst beim besten Bemühen des Einsatzes o. g. Software irgendwie fremdartig – Es fehlt einfach das Instrument an sich, welches den vollen Klang gerieren kann. Und der Modus ist an sich auch albern und überflüssig – Gesucht wird in dem Gerät ein Chanter, zum für die Aussenwelt leutlosem Chanterspielen. Wer GHB spielen will, wird dieses mit einer realen GHB tun, und nicht auf eine friebsige Flöte mit Kopfhörern ausweichen wollen.

Die einzelnen Modi sind von der Freuenz her (Ausnahme der Smallpipe), der Lautstärke der Dronen (Ausnahme Practicechanter); Höhen; Tiefen autonom kalibrierbar, so dass man je nach Geschmack und Kopfhörer (siehe dazu unten) sehr angenehme Klangbilder erzeugen kann und damit vielleicht sogar „richtig“ spielen könnte (Was man m. E. mit einem PC nicht wirklich kann – mit diesem ist und bleibt es ein Gejaule…).

Einzig und allein gibt es im Modus Practicechanter in den Bereichen Low a, C und High G mit geübtem Ohr ein leises Hintergrundsäuseln, welchem man jedoch mittels Veränderungen der Klangfarbe und entsprechenden Kopfhörern beikommen kann.

Kalibrierung der Tonsensitivität:
Die Empfindlichkeit der Photosensoren ist hinsichtlich jedes einzelnen Tones/Bohrung separat einstellbar.
Will heißen, man kann einstellen, wieviel Licht in die Bohrung eindringen muss, bis das ein Ton erklingt oder verklingt. Das heißt, wie hoch der jeweilige Finger gehoben werden oder abgesenkt werden muss.

Dadurch ist es – insbesondere gut für Anfänger oder bei einzelnen, schwachen Fingern – möglich, individuell auszutarieren, wie hoch man welche Finger hochreißen muss (z. B. B-Finger bei Tarlouath auf D…).

Das bedingt dann auch, wie „leicht“ oder „schwer“ es sich spielt.

Aufgrund der Funktionsweise – Licht einlassen oder ausschließen bedingt Ton an oder aus – ist es nicht möglich, Glissandos zu spielen.
Entsprechend ist es aber auch nicht möglich, „fasche/schiefe/halbe“ Töne, wie beim analogen Chanter zu erzeugen: Entweder erfolgt eine korrekte Anhebung des Fingers nebst Tonerzeugung oder eben nicht sowie umgekehrt. Dies hilft meines Erachtens insbesondere Anfängern ganz gut.

Für den Fall extremer Lichtverhältnisse kann die Sensitivität der Sensoren generell auch angepasst werden (z. B. wenn man draußen bei extremer Sonneneinstrahlung üben sollte – wann dieses einmal vorkommt, mag jeder selbst beurteilen).

Der Aufwand der Kalibrierung hält sich in Grenzen. Ich habe dafür über zwei Tage hinweg insgesamt 20-25 Minuten benötigt.

Entgegenstehende Verlautbarungen „Das dauert so lange…ist so schwierig…“ zeugen von wenig wirklichem Interesse an dem Gerät: Dieselben Personen verwenden im nämlich oft mehr Zeit, ihr Mobiltelephon, ihren Computer oder etwa ihre Bagpipe bei jedem benutzen zu behüddeln, betüddeln bzw. konfigurieren. Man muss einfach einmal die Gebrauchsanweisung des Gerätes lesen und etwas Zeit aufwenden. Dann ist das Ganze idiotensicher und eine gute Übungshilfe.

Wiedergabe:

Man kann an den Audioausgang mittels entsprechender Kabel einen Lautsprecher anschließen. Das ist jedoch etwas sinnfrei, da es bei dem gGrät eher darum geht, für andere lautlos zu üben.

Die dazu in den Audioeingang einstöpselbaren Kopfhörer sollten etwas hochwertiger sein. Billighörer, insbesondere der In-Ear-Kasse, erzeugen selbst bei gutgemeinter Kalibrierungsarbeit einen unangenehmen, flachen, blechernen Klang. Am besten eigenen sich meines Erachtens Over- oder On-Ear-Kopfhörer, die mittels Audiokabels fast Studioklangualität gerieren.

Anmerkung:
Es muss dazugesagt werden, dass je nach verwendetem Kopfhörer ggf. an den Klangbildern der Modi Veränderungen vorgenommen werden müssen: Was mit dem einen Kopfhörerpaar gut klingt, kann sich mit einem anderen fürchterlich flach anhören.

Fazit

Der Blair Digital Chanter ist eine teure, aber sehr komfortable und optisch ansprechende Lösung, wenn man in den eigenen vier Wänden, in Hotels, auf Reisen in der Bahn oder an ähnlichen Orten für andere nichtstörend üben will.
Persönlich kommt dies bei mir oft vor, deshalb lohnte sich die Anschaffung bisher.

Bestehen diese Umstände nicht, ist eine Anschaffung, wie die anderer, elektronischer Chanter, unnötig.

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Re: Erfahrung Blair Digital-Chanter

Beitrag von SvenV » 25. Oktober 2019 05:42

Guten Morgen,

danke für dein gelungenes Feedback. Sehe ich als Blair Anhänger recht ähnlich. Ich nutze diesen Chanter mittlerweile unter anderem für Aufnahmen für meine Schüler, damit diese ein Play-Along haben. Dabei ist die Funktion des Pitch verstellen grandios, da ich so das Tuning an das meiner Schüler anpassen kann.

Bei der Tonauswahl bin ich nicht so deiner Meinung, für einen eChanter bin ich sehr überrascht. Und durch die nachträglich eingeführte Reverb Funktion wird meiner Meinung noch ein realistischeren Raumklang erzeugt.

So viel zu meinen Gedanken,
Sven

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Re: Erfahrung Blair Digital-Chanter

Beitrag von shakatark » 30. Oktober 2019 17:05

Vielleicht ist es etwas ungünstig rübergekommen:

Nur hinsichtlich der Klanges des "GH-Bagpipemodus" bin ich selbst nach Kalibrierung sowie Verwendung der R-Verb-Raumklang-Modulationssoftware nicht wirklich zufrieden bzw. halte diesen Modus nicht für sinnvoll.

Hinsichtlich des Restes schon.

Aber selbst wenn man diesen einen Punkt unter dem Aspekt "Geschmackssache" außen vor ließe, bleibt der Chanter meines Erachtens für die genannten Einsatzbereiche eine tolle Sache.

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